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Chinas Winterseite - Schnee- und Eisskulpturen-Festival von Harbin

Schnell steigt die A320 in den stahlblauen Morgenhimmel über Peking und nimmt bald Kurs in Richtung Nordost. Meldungen über Smog im Pekinger Winter scheinen aus einer anderen Dimension zu kommen, so sauber und klar ist die Luft bei Temperaturen um minus zehn Grad im Stadtgebiet. Gestern Vormittag waren wir – aus Frankfurt kommend – gelandet und genossen noch ein nachmittägliches ausgedehntes Pekingenten-Essen, bevor es dann am heutigen – sehr frühen – Morgen wieder zum Flughafen ging, auf den etwa zweistündigen Flug nach Harbin, Hauptstadt der Amur Provinz in der Mandschurei, mit etwa viereinhalb Millionen Einwohnern für die Chinesen eine „mittelgroße“ Stadt.

Bald beginnen die Berge, die Peking nach Norden hin schützen, begleitet von einigen heftigen Schüttlern des Flugzeuges, Clear Air Turbulence nennt man das wohl: Turbulenz in unbewölkter Umgebung. Einige Blicke auf den Verlauf der Großen Mauer, ein kleines Nickerchen – wir waren vor fünf Uhr morgens aufgebrochen – und schon näheren wir uns Harbin.

Unsere örtliche Reiseleiterin, Frau Lu, warnt uns schon im Terminal, die Jacken bis oben zu schließen, bevor wir durch die Doppeltüren ins Freie gehen. Trotzdem überrascht uns die Kälte: das Thermometer zeigt minus 37 Grad, dazu weht ein beachtlicher Wind. Schnell kriechen wir in die Wärme des wartenden Wagens und fahren über breite Straßen durch die winterliche Stadt. Es liegt erstaunlich wenig Schnee, dafür ist es schlicht zu kalt. Am Songhua-Fluss sehen wir eine der Stellen, an der die Eisblöcke für die Eisskulpturen herausgeschnitten werden. Eine Art riesiger Steinbruch für dieses vergängliche Baumaterial. Die größten Quader sind etwa mannsgroß und werden mit Gabelstaplern auf Lastwagen verladen.

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Denn das ist der Hauptgrund unseres Besuches: das Schnee- und Eisskulpturenfestival von Harbin, das größte der vier Eisskulpturenfeste unserer Erde (die anderen drei in Sapporo, Oslo und Quebec), ein etwa fünf Wochen andauerndes Winterfest, auf dem einerseits Eisskulpturenkünstler um Auszeichnungen und Pokale wetteifern, andererseits ganze Burgen und Paläste lebensgroß aus Eis nachgebaut werden (und in der hier früh einsetzenden Dunkelheit kunterbunt beleuchtet werden). Kitschig? Ist nur in der deutschen Sprache negativ besetzt. Hier geht es um Spaß, um Außergewöhnliches und schließlich ist auch die Kälte selbst eine Attraktion, besonders für Chinesen aus dem Süden, die sich unheimlich darüber freuen, wenn ihre Nasen vor Kälte rot werden. Nach einem späten Mittagessen mit köstlichem Dim Sum und einigen Tassen wärmenden Tees, besuchen wir die erste Attraktion: den in der Stadt gelegenen Skulpturenpark. Schon hier bestaunen wir bis über zehn Meter hohe Burgen, Drachen und andere Fabeltiere – die weltweite Popularität der Motive aus den deutschen Heldensagen ist wohl Verdienst des amerikanischen Mäuseunternehmens – Alles bis ins Detail herausgearbeitet und bei den vorherrschenden Temperaturen bestens konserviert.

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Am nächsten Tag heben wir uns die Hauptattraktion – Sun Island, Zentrum des Harbin Ice and Snow Festivals – für die Dämmerung und die Dunkelheit auf und fahren zunächst durch das von russischer Architektur geprägte Harbin. Es ist erstaunlich, wie geschlossen das Stadtbild aus russischer Zeit erhalten geblieben ist, so wähnen wir uns zeitweise eher Russland als in China. Auch zahlreiche russische Restaurants künden von einem wieder erwachten Besucherstrom zwischen beiden Ländern. In der ehemaligen orthodoxen Kathedrale sehen wir eine Ausstellung von Photographien aus den verschiedenen Epochen der Stadt – russisch, japanisch, chinesisch – bei deren Betrachtung klar wird, welch umkämpftes Gebiet die Mandschurei lange war. Wir sehen noch den „offiziellen“ Teil des Eisfestivals, nämlich die Eisfiguren aus dem Wettbewerb, erkennen die Venus von Milo, Einhörner, chinesische Drachen, der Fantasie sind offensichtlich keine Grenzen gesetzt, nur abstrakt dürfen die Figuren nicht sein. Gewonnen hat dieses Jahr (Überraschung!) China, vor Russland und Südkorea.

Nach einer Stärkung mit Guo Bao Ruo, der lokalen Spezialität aus frittiertem Schweinefleisch (Chinareisen sind immer auch kulinarische Reisen) überqueren wir – bereits im Dämmerlicht – den Fluss, dessen von der Strömung ineinandergeschobenen Eisschollen sich an einigen Stellen bedrohlich auftürmen. Schon aus der Ferne sehen wir die illuminierten Gebäude aus Eis und betreten alsbald einen Ort, der sich als Vergnügungspark aus Eis entpuppt. Man kann die einzelnen Gebäude (wiederum viele Burgen und Paläste) nicht nur bestaunen, sondern auch besteigen und an vielen Stellen herunterrutschen. Es gibt Skipisten, Kinderattraktionen, Musik, ein fröhlicher bunter Winterrummel für jeden. Als Höhepunkt schließlich die Möglichkeit, von einem Sprungturm aus Eis in ein dampfendes beheiztes Schwimmbecken zu springen. Wir konnten uns dies gerade noch verkneifen.

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Dalian, mit etwa sieben Millionen Einwohnern schon fast eine große Stadt in China, präsentiert sich am südlichsten Punkt der Liaodong-Halbinsel als eine der schönstgelegenen Städte unserer Erde. Das hatte ich gar nicht erwartet – hatte ich mich vor dieser Reise doch vor allem mit den anderen beiden Städten Harbin und Qingdao beschäftigt. Zugegeben, es war wie an jedem Tag dieser Reise traumhaftes Wetter, bei nunmehr für uns milden minus acht Grad, doch die aus dem Beer aufsteigenden Berge, die Skyline der Stadt, die endlosen Brücken und das stahlblaue Wasser der Bohai-Straße fügen sich zu einem wunderbaren Stadtbild.

Ein Besuch im ehemaligen Port Arthur, das heute den westlichsten Stadtteil Dalians bildet, klärt auf über die ebenfalls bewegte Geschichte der Region. Und es war auch wieder köstlich: in Dalian isst man am besten frische Meeresfrüchte.

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Ein kurzer Besuch dieser schönen Stadt denn schon am nächsten Vormittag geht es weiter: zunächst zum außerhalb gelegenen Flughafen, dann mit dem Flugzeug über die Bohai-Straße (deren Untertunnelung zur Schnellbahnnutzung geplant ist) und dann in 35 Minuten hinüber nach Qingdao (besser bekannt als Tsingtao) – von 1898 bis 1919 deutsche Kolonie. Abgesehen von der deutschen Kolonialgeschichte mit vielen verbliebenen Bauten ist Qingdao vor allem für das dort immer noch nach dem deutschen Reinheitsgebot gebrauten Bier bekannt. Bei einem Besuch der Brauerei bekommen wir während einer Führung einen guten Überblick über die Entwicklung des Brauereiwesens in der Stadt und können anschließend viele Varianten des Tsingtao Biers probieren. Von den deutschen als „Neapel am Gelben Meer“ betitelt, ist die Küstenlinie Qingdaos besonders schön. Ausgehend vom „Prince Hotel“, das früher tatsächlich „Prinz Heinrich Hotel“ hieß und dessen Hauptgebäude komplett erhalten ist, machen wir uns auf den Weg durch die Altstadt aus der Kolonialzeit, sehen die alte Post und besichtigen die ehemalige Gouverneursvilla von innen.

Nach etwa einer Stunde ist es uns dann doch zu kalt, die Jacke, die ich mir in Kanada einst für eine Antarktisreise zu legte (und in der es mir am Südpolarkreis viel zu warm war) stößt hier nun an ihre Grenzen und es wundert nicht, zu sehen, wie viele Chinesinnen – und auch Chinesen – in Harbin Pelz tragen.

Wir checken im Hotel Shangri-La ein, einem wunderbar geheizten komfortablen Rückzugsort, und begeben uns zu einem weiteren Highlight, diesmal einem kulinarischen: einem zünftigen Feuertopfessen. Ein großer Topf mit Brühe, deren Schärfegrad wir selber bestimmen können, wird von uns gefüllt mit allem, was das Herz begehrt: Rind-, Lamm- und Schweinefleisch, Innereien, verschiedenste Gemüse, Tofu, Pilze, Fisch, dazu gibt es Tee und chinesischen Schnaps (in homöopathischen Dosen, die Gläschen messen kaum 10ml). Ein stundenlanges und sehr kommunikatives Essvergnügen.

Am nächsten Morgen nehmen wir Abschied von Harbin und fahren mit dem Schnellzug nach Dalian. Der Zug ist von außen eine perfekte Kopie des deutschen ICE, von innen ähnelt er sehr den Shinkansen-Zügen in Japan, genau wie dort gibt es nur Sitze in Fahrtrichtung, da auf der Strecke nur Durchgangsbahnhöfe angefahren werden und am Streckenende die Sitzreihen vom Schaffner mittels einer Mechanik einfach gedreht werden. Und noch etwas ist anders als bei der Deutschen Bahn: Die Züge fahren ausschließlich auf neuen Trassen und somit fast durchgängig Höchstgeschwindigkeit. Eine äußerst komfortable Art, in China zu reisen, doch sollte darauf geachtet werden, möglichst nur ein Gepäckstück zu haben und dies sollte ein sehr gut rollender Koffer sein, denn die Bahnhöfe sind gigantisch groß.

In Tsingtao fällt auf, dass so viele Gebäude aus der relativ kurzen deutschen Zeit noch in hervorragendem Zustand sind (ähnlich wie aus der nur wenigen Jahre dauernden russischen Periode in Harbin), die mehrere Jahrzehnte dauernde Zeit der japanischen Besatzung im Anschluss hinterließ jedoch kaum Spuren. Auf der anderen Seite finden wir die Neustadt mit moderner Einkaufsstraße vor, dahinter den Olympiahafen, wo die Segelwettbewerbe der Olympischen Spiele 2008 ausgetragen wurden.

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Beeindruckt hat uns die Fröhlichkeit der Menschen in Nordostchina, die ansteckende Freude an der Kälte, den Farben und Figuren, die herausragende Infrastruktur, die das Reisen in China einfach und komfortabel macht, die lokale Küche und letztlich auch die Kälte. Als wir In Qingdao dann tatsächlich am letzten Tag „+2“ auf der Temperaturanzeige lasen, freuten wir uns über die Aussicht auf Wärme, doch die kräftige Seebriese belehrte uns eines Besseren. Ein Tee im Salon des „Prinz Heinrich“ inmitten von Devotionalien des frühen 20. Jahrhunderts wärmte uns wieder auf.

Chinas unbekannter Nordosten - zum größten Eisskulpturenfest der Welt! Eine neue Kombination wenig besuchter Regionen im unbekannten Nordosten Chinas: vom Eisskulpturenfest in Harbin bis hin zum am Gelben Meer gelegenen Qingdao, mit seiner deutschen Kolonialvergangenheit und Bierkultur.

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